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Grüner leben, ohne verzichten zu müssen? Umweltökonom Niko Paech über die trügerische Idee von Nachhaltigkeit, bei der sich der Einzelne nicht einschränken muss.

Nie waren die Bewohner der industrialisierten Hemisphäre freier, reicher, gebildeter, verfügten nie über mehr technische Kompetenz und Innovationspotenziale - und lebten zugleich nie verantwortungsloser über ihre Verhältnisse. Dieses epochale Schauspiel, das dem Drehbuch einer fortschrittstrunkenen Steigerungsdynamik folgt, bewegt sich rasant auf ein desaströses Finale zu, es sei denn, unerwartete Störungen im Betriebsablauf verhindern dies noch. Denn innerhalb ihrer eigenen Systemlogiken lassen sich moderne Gesellschaften ebenso wenig davon abhalten, an der ökologischen Krise zu scheitern, wie sich Feuer mit Benzin löschen lässt.

Gleichwohl erfreut sich der Glaube an die technische und politische Machbarkeit des ökologisch Unmöglichen unbeirrter Verteidigungsreden. Eine solche lieferte an dieser Stelle jüngst der Soziologe Armin Nassehi (SZ vom 2. August). Er kehrt die Kritik an der Hybris einer zerstörerischen Industriegesellschaft einfach um, indem die Forderungen nach dem Minimum dessen, was das Überleben der Zivilisation noch ermöglichen könnte, als pure Hybris zurückzuweisen sei. Klimaschutzaktivisten wie auch Wachstumskritiker sähen vor lauter Katastrophenangst nicht die "Gesellschaft, die schon da ist, und nur mit ihren eigenen Mitteln reagieren kann".

Dieser Strukturkonservatismus aber dominiert seit Jahrzehnten den politischen und wissenschaftlichen Nachhaltigkeitsdiskurs, wobei er dessen Problemlösungsgehalt ruiniert hat. Die Idee, dass eine Gesellschaft, deren auf Wachstum und Technisierung gründende Entwicklungslogik auf einen Kollaps zurast, nun ausgerechnet mit denselben, also "eigenen Mitteln reagieren" solle, findet seine Vollendung im sogenannten "grünen Wachstum", auf das sich prinzipiell alle Fraktionen des Bundestags (mit bekanntlich einer Ausnahme) längst geeinigt haben. Demnach soll der materielle Wohlstand geschützt werden, indem seine ökologisch unschönen Nebenfolgen durch erneuerbare Energien, geschlossene Stoffkreisläufe und Effizienzmaßnahmen vermieden werden. Das sodann von Umweltverbräuchen entkoppelte Komfortparadies soll unbeirrt weiterwachsen können, um Freiheitseinschränkungen und soziale Konflikte zu vermeiden.

Schafft Obergrenzen für den von einem Individuum beanspruchten materiellen Wohlstand!

Aber abgesehen davon, dass dieser grüne Fortschrittszauber schon immer theoretisch unhaltbar war, weil er gegen die Gesetze der Physik anrennt, hat er sich empirisch zu einem solchen Desaster ausgewachsen, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung seines Fehlschlagens Bibliotheken füllt und neue Forschungsfelder entstehen ließ. Wenn der Planet erstens physisch begrenzt ist, zweitens industrieller Wohlstand nicht von ökologischen Schäden entkoppelt werden kann, drittens die irdischen Lebensgrundlagen dauerhaft erhalten bleiben sollen und viertens globale Gerechtigkeit herrschen soll, muss eine Obergrenze für den von einem einzelnen Individuum beanspruchten materiellen Wohlstand existieren.

Wer diese Einsicht vorträgt, sieht sich den Beißreflexen zweier Lager ausgesetzt, die ansonsten wenig eint. Die AfD-nahen Leugner des menschengemachten Klimawandels unterstellen den Wachstumskritikern, ein erfundenes Umweltproblem vorzuschieben, um eine als Klimapolitik getarnte Umverteilung zulasten sozial Schwacher zu legitimieren. Das zweite, sich zumeist links-, neo- oder grün-liberal gerierende Bollwerk möchte sich demgegenüber als intellektuell überlegen wahrgenommen wissen, räumt deshalb ein, dass der Klimawandel einer industriell entgrenzten Lebensweise geschuldet ist, wehrt sich ansonsten aber ebenso vehement gegen wachstumskritische Störenfriede. Freilich gelingt dies nicht ohne kausale Verrenkungen, von denen die genannte grüne und systemkonforme Fortschrittsfrömmigkeit noch die harmloseste ist.
Wer Freiheit bewahren will, darf sie nicht überstrapazieren.

Nassehi bringt nun das abgegriffene Totschlagargument der "sozialen Kälte" gegen Nachhaltigkeitsforderungen in Stellung. Dieses beruht auf der Unterstellung, dass Klimaschutzaktivisten zu den Vermögenden zählen, die den unteren Einkommensklassen Entbehrung aufoktroyieren wollten. Dabei ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts zugleich die ökologische: Wer darf sich mit welchem Recht wie viel an materiellen Freiheiten aneignen, ohne über seine ökologischen Verhältnisse zu leben?

Niemand wird sich mehr für eine Demokratie einsetzen, die nicht einmal das Überleben sichern kann.

Nicht zu hintergehen ist damit die regulative Idee, dass erstens jedem Menschen dasselbe Quantum an Ressourcen zusteht, und zweitens kein Recht auf ökologische Zerstörung bestehen kann. Dies ließe sich praktisch und politisch gar nicht anders umsetzen, als zwischen Grundbedürfnissen und dekadentem Luxus, der interessanterweise ständig neue Rekorde erzielt, zu unterscheiden. Demnach wären Flugreisen, Kreuzfahrten, übermäßiger Fleischkonsum, überbordender Elektronik- und Textilkonsum, überdimensionierter Wohnraum der effizienteste und zugleich sozialpolitisch begründbarste Ansatzpunkt.

Auch Nassehis Vorwurf der "Demokratieverachtung" greift nicht. Wer weiter an der tragisch gescheiterten "Kunst" festhält, "Lösungen mit den Mitteln dieser Gesellschaft" zu kreieren, reproduziert nicht nur die Krise, sondern pulverisiert individuelle Verantwortung, legitimiert nämlich das "Weiter so" ökologisch ruinöser Praktiken, zumal diese nichts anderes sind als die Insignien der "Gesellschaft, die da ist".
Wenn aber Verteilungskonflikte um den Rest an materiellen Möglichkeiten entbrennen und für manche der Kampf um ein würdiges Dasein beginnt, wird sich niemand mehr für eine Demokratie einsetzen, die offenkundig am Minimum dessen gescheitert ist, was von einem politischen System zu erwarten ist, das sich human nennt: schlichte Überlebensfähigkeit. Wer also die Freiheit bewahren will, darf sie nicht überstrapazieren, sondern muss sie vorsorglich und freiwillig begrenzen.

Maximaler sozialer Rechtfertigungsdruck hilft, öko-suizidale Handlungen zu verhindern.

Hierzu bedarf es eines sozialen Regulativs, das darin besteht, im Sinne einer Selbstermächtigung erstens die Missbilligung öko-suizidaler Handlungen und Prozesse angemessen zum Ausdruck zu bringen, zweitens für diese maximalen sozialen Rechtfertigungsdruck aufzubauen und drittens die dabei angelegten ökologischen Maßstäbe durch eine entsprechende Lebensführung praktisch auf sich selbst anzuwenden. So gesehen sind die "Friday for Future" (wenn deren Protagonisten an der dritten Bedingung noch etwas arbeiten) der beste Demokratieschutz.
Wer dagegen basierend auf systemkompatiblen, aber wirkungslosen Konzepten das Blaue - oder besser: das Grüne - vom Himmel verspricht, biedert sich zwar kurzfristig einem verschreckten Publikum an, bedient aber langfristig eine der verheerendsten Lebenslügen, nämlich dass Nachhaltigkeit ohne Begrenzung des materiellen Wohlstands möglich ist. Solche Lebenslügen aufzudecken, dürfte wohl kaum von denen zu erwarten sein, die daran verdienen, ganz gleich ob Wählerstimmen oder Profite, sondern zählt zu den dringendsten Aufgaben der Wissenschaft. Das sollte auch für die Soziologie gelten.

Niko Paech lehrt an der Universität Siegen Plurale Ökonomik.

Dieser Artikel wurde der "Süddeutschen Zeitung" vom 20.08.2019 entnommen.